Philharmonischer Chor Kiel

Volkszeitung, 22.05.1953

Das Hohelied des Optimismus

Haydns „Schöpfung“ in der Petruskirche

Als letztes Abonnementskonzert dieser Spielzeit brachte G. C. Winkler mit Städtischem Chor und Städtischem Orchester eines der liebenswürdigsten Werke der Oratorienliteratur: „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn, der sich hier — wie in den „Jahreszeiten“ — als großer, schon in die Romantik hinüberdeutender, Ausdrucksmusiker zeigt. Melodieselige Lieblichkeit und mitreißende Hymnik mischen sich in dem strahlend festlichen Werk und machen das Schöpfungsgeschehen zu einer ganz und gar diesseitigen, menschlichen, ja fast bürgerlichen Angelegenheit. Was daran am meisten bezaubert, ist der (durch die rührende Schlichtheit der Swietenschen Texte unterstrichene) gren­zenlos gläubige, naive Optimismus, den Welträtseln so herrlich pau­schal zu Leibe zu gehen und nirgendwo, nicht einmal im Verborgen­sten, auf die zweifelhaften Ergebnisse anzuspielen, zu denen das „glücklich Paar“ Adam und Eva ziemlich bald nach ihrem dankbaren Jubelduett den Grundstein gelegt hat. Und es ist reizenderweise nur die Rede davon, daß Adam seine Eva leiten soll; daß sie später ihn verleitet hat, will uns Papa Haydn nicht einmal ahnen lassen. Selbst die Schlange rangiert hier schlicht unter dem übrigen harmlosen Gewürm, und dem Baum der Erkenntnis ist nicht einmal ein Rezitativ gewidmet. Für Haydn ist der liebe Gott eben ein Baumeister, der nichts dafür kann, daß sein Haus sich nicht als wetterfest erwiesen hat; es hat seine Ewigkeit gehalten — das genügt.

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Die Aufführung war — trotz einiger Mängel — ein gelungener Abschluß der Konzertsaison. Der Chor, von Karl Eckert sorgfältig ein­studiert, sang diszipliniert und mit gewohnter Präzision, überzog aber zuweilen im forte und hätte bei aller musikalischen Intensität stärker auf genaue Artikulation achten müssen. Sehr differenziert und mit starker Einfühlung in das Wesen des Werkes musizierte das Orche­ster; am Cembalo mit äußerster Gewissenhaftigkeit: Alfred Dressel.

Die Solisten haben diesmal enttäuscht; zwar habe ich Anneliese Luetjohann noch nie so gut gehört (die Stimme ist viel ausgeglichener geworden, die Koloraturen kamen klar und unverwischt und aus der Mittellage ist der kehlige Ton fast verschwunden), aber es fehlt ihr für diese Partie die Wärme, das tief innerliche Erfülltsein von den Dingen — zumindest strahlt sie es nicht aus. Das gleiche gilt trotz seines vollendeten technischen Könnens für Heiz Marten, der seinen Part so abstrakt sang wie eine virtuose Konzert-Arie. Auch müßte er wissen, daß er kein Heldentenor ist, und sein forte nicht bis zur Glanzlosigkeit forcieren. Hudemann, im Ausdruck hervorragend, war stimmlich nicht ganz in Form; sein Ton war unruhig und ließ die sonst an ihm so voll­kommene Rundung vermissen.

Georg C. Winkler legte das Hauptgewicht seiner Interpretation auf den strahlenden, jubilierenden Optimismus des Werkes — weniger auf dessen naive Frömmigkeit. Das, was man früher im Sprachge­brauch so treffend als Holdseligkeit bezeichnete (und was einen hohen Grad von Innigkeit mit ausdrücken sollte) kam in seiner Auffas­sung nicht ganz zu seinem Recht. Winkler hat aus einem Diamanten einen Brillanten geschliffen — zweifellos eine sehr wirkungsvolle und persönliche Leistung.

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Eine pauschale, nachträgliche Würdigung (ein Nekrolog sozusa­gen) des vergangenen Konzertwinters ist aus Raumgründen leider nicht möglich. Aber ich halte es für notwendig, dem Publikum in Erin­nerung zu bringen, daß es Gelegenheit hatte, in Kiel eine Reihe (in Programm und Interpretation) bedeutender Konzerte zu hören, die in sogenannten „Musikzentren“ als Ereignisse gefeiert werden. S.M.

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Siehe auch: Dr. H. St.

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